Freitag, 3. September 2010

Opfer ist das neue Schwuchtel

Jungenarbeit möchte Jungen beim Aufwachsen zum Mann begleiten – dabei stehen positive Ideen vom Junge-sein im Mittelpunkt. Nur so kann Jungen geholfen werden, eine selbstsichere und starke männliche Identität zu entwickeln.


Wie sollen sie sein, die Männer von morgen?
Nur leider funktioniert die Bestimmung dessen, was ein richtiger Mann heute ist, vor allem immer noch über negative Abgrenzungen:

• je mehr Schmerzen ich ertragen kann,

• je weniger ich jemanden um Hilfe bitte und von jemandem abhängig bin,

• je mehr ich meine Gefühle kontrolliere und unterdrücke,

• je weniger ich auf meinen Körper achte,

desto männlicher bin ich.

Das sind nur vier der sieben maskulinen Imperative, nach denen die männliche Sozialisation immer noch viel zu oft funktioniert. Zu sehr sind alte tradierte Bilder von Männlichkeit noch in vielen Köpfen. Geht es um Gewalt sind Männer demnach eben die Täter.

Opfer = männlich ?

Verwundert es da, dass gerade Jungen auf Begriffe wie dem vom „Opfer“ zurückgreifen? Mädchen hört man selten vom „Opfer“ reden. Es ist eben vor allem eine Möglichkeit, sich als Junge zu inszenieren.

Einen sehr aufschlussreichen Artikel hat Stephan Voß, Leiter der Landeskommission Berlin gegen Gewalt dazu verfasst. Er stellt fest, dass der Begriff „Opfer“ nicht mehr sofort Mitgefühl auslöst, sondern vor allem die Funktion hat sich seiner eigenen Identität als „richtiger“ Mann bzw. Junge zu versichern.

Alles was damit verbunden ist – Schwäche, Hilfebedürftigkeit, Angst-haben, Schmerzen – wird auf das "Opfer" abgeschoben. Gerade bei Jungen, die sich ihrer männlichen Identität wenig sicher sind, muss eigenes Opfer-sein abgewehrt werden. Ist der Andere das Opfer bin ich es selbst nicht.

Eine ähnliche Funktion in Jungengruppen hat das Gerede von den „Schwuchteln“ oder dem „schwul-sein“. Vermeintlich unmännliche Dinge – z. B. sich um seinen Körper kümmern, zärtlich zu anderen Männern sein, Nähe zu anderen Männern suchen – werden so abgewehrt und als "weibisch" gebranntmarkt, die "ein richtiger Junge nicht tut."

Was Jungenarbeit tun kann

Es stimmt: Jungen sind oft die Täter von Gewalt. Sie sind aber in den allermeisten Fällen auch Opfer von Gewalt. Dies gilt es zu erkennen und zu akzeptieren.

Jungenarbeit muss demnach Orte schaffen, innerhalb derer Jungen auch ihr Opfer-sein thematisieren dürfen. Orte, an denen Jungen erleben können, dass man auch zu anderen Jungen zärtlich sein kann – ohne automatisch schwul zu sein.

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