Sonntag, 9. Januar 2011
DU, nicht ich - Abwertung in Jungengruppen
Ich bin in meiner Jungenarbeit mit dem Song konfrontiert worden. Ein paar Jungen haben den Song auf dem Handy, können den Text fast auswendig und spielen ihn immer wieder. Was macht man nun pädagogisch damit?
Respekt vor den Themen der Jungen haben ist leicht getwittert und praktisch manchmal sehr schwer getan. Denn was mache ich, wenn das Thema der Jungen dieser Song ist?
Eigentlich geht das gar nicht und gehört verboten. Doch: Was bringt das den Jungen? Wie ernst nehme ich sie damit?
Selbstreflexion: Was löst es bei mir aus?
Ich habe mich hingesetzt, mir den Text angehört und überlegt, was er bei mir auslöst. Der Junge in mir freut sich über den absurden Text. Ich kann die Freude an der Abwertung sehr gut nachvollziehen - "Du bist häßlich, so richtig krank". Das müsste man mal drauf haben, es jemanden so ins Gesicht zu sagen.
Als Jungenarbeiter, also als erwachsener Mann, ist mir klar, dass der Text alle Grenzen des guten Geschmacks verletzt, klar auf die Abwertung anderer zielt und daher eigentlich nicht zu tolerieren ist. Darüber hinaus ist er natürlich auch musikalisch wirklich mies.
Nur: Er wird von den Jungen gehört, muss für sie also eine Bedeutung haben. Das ist das Thema der Jungen, mit denen ich gerade in Beziehung stehe.
Kein Opfer sein!
Nach der Reflexion war mir noch nicht ganz klar, wie ich mich zu dem Song positioniere. Die Lösung für mein Problem lag dieses Mal in der Praxis:
Als die Jungen wieder einmal den Song abspielten und mitrappten richteten sie ihn an genau den Jungen in der Gruppe, der sich am wenigsten dagegen wehren kann. Ich beobachtete diese Situation und verstand in dem Moment, welche Funktion der Song für die Jungen in der Gruppe hat: Abwertung von anderen zur eigenen Aufwertung bzw. nach dem Motto:
So lange ich einen anderen zum Opfer mache, bin ich selber keins.
Bin ich hässlich? Bin ich ein "richtiger" Junge?
Der Song ist ein Hilfsmittel für die Jungen, Männlichkeit darzustellen. Damit hat er eine wichtige soziale Funktion in der Jungengruppe. Der Rapper formuliert die Abwertungen, die alle Jungen, jeder für sich, persönlich kennen und mit denen sie tagtäglich selbst konfrontiert werden. Ausgestattet mit der eigenen (zumindest potenziellen) Opfer-Erfahrung gibt der Song den Jungen eine perfekte Möglichkeit die eigenen Ängste zu externalisieren, also nach außen zu richten - DU bist hässlich!" - nicht ich.
Meine Intervention in diesem Moment bestand darin, deutlich zu machen, dass ich das Fertig-machen des Jungen nicht toleriere. Ich habe den Jungen aufgefordert, zu sagen, was er nicht möchte. Er konnte es nicht äußern, ich habe Partei für ihn ergriffen. Später meinte einer der Jungen, der das Ganze beobachtet hat, dass der Junge den Tränen nah war.
Weiter wäre es nun sicherlich wichtig mit den Jungen zu thematisieren, wie sie den Song auf sich selbst beziehen. Was willst Du mit dem Song von Dir zeigen? Hast Du Angst, hässlich zu sein? Was ist das genau? Die Zahnspange, das Dick-sein, die kaputten Klamotten?
Was wären die Antworten der Kumpels?
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So, jetzt kann ich also doch kommentieren. :)
AntwortenLöschenEigentlich wollte ich nur fragen, ob du denn dieses Lied bzw. den Inhalt weiter mit den Jungs (wie alt eigentlich?) behandeln wirst? In meinen Augen ist ja oft das Problem, dass Lieder solcher Art einfach unreflektiert aufgenommen und wiedergegeben werden, und dass Jungs solche Texte zunehmend cool finden und reproduzieren, weil ihnen die Konsequenzen/wahren Hintergründe gar nicht bewusst werden. Von daher fände ich es sehr sinnvoll, darauf sensibel einzugehen.
Oh, und wie ist es eigentlich dem Jungen gegangen, für den du Partei ergriffen hast? So etwas hatte bei uns danach meist noch schlimmere Folgen. :(
wenn ich deinen Artikel lese frag ich mich ernsthaft wie du sozialisiert worden bist, also in wiefern du dich mit Dynamiken innerhalb Jungengruppen auskennst. Ein Pädagogikstudium ist von der Realität leider meilenweit entfernt.
AntwortenLöschenErstmal wie schon gesagt, deine Intervention zugunsten des gemobbten Jungen hat wahrscheinlich für diesen noch schlimme Folgen, bzw ändert nichts an der dynamik der Gruppe.
Das einzige was diesem Jungen helfen würde, ist ihn alleine zur Seite zu nehmen und ihm klarmachen das er sich wehren muss, sonst wird seine Opferrolle gefestigt. Verbal und notfalls auch körperlich. Solche Gruppen-Mobbing-Szenarien haben gewöhnlich einen rädelsführer, der Rest genießt es nur nicht selbst Opfer zu sein. Den Anführer muss er sich rauspicken, alleine, auf dem Weg nach hause oder so und ihm klarmachen das er ihn in Ruhe lassen soll. Das Selbstbewusstsein der Anführer ist auf sich alleine gestellt nie besonders hoch, also laut und deutluich klarmachen das weiterers mobben für den anführer Konsequenzen haben wird.
geht das dann trotzdem weiter MUSS der gemobbte seine drohung wahrmachen, sonst verliert er glaubwürdigkeit und wird noch schlimmer gemobbt werden. das heißt im Klartext er muss dem rädelsführer vor den Augen der Gruppe angreifen, körperlich. Ein schneller, harter schlag auf die Nase und dann kannst du als Pädagoge eingreifen und schlimmeres verhindern indem du die beiden trennst und eine klare ansage machst das Gewalt falsch ist aber das der Anführer es nicht besser verdient hatte und selber schuld ist. wichtig ist das die Gruppe sieht das das Opfer sich gewehrt hat ohne eingreifen eines erwachsenen. Die dynmik der Gruppe wird sich fast garantiert danach verschieben, weil der Rest gesehen hat das der gemobbte das getan hat was sie selber unter den selben umständen sich nicht trauen würden, heißt er gewinnt Respekt vor einigen in der Gruppe und das reicht gewöhnlich.
Ich weiß das die meisten Pädagogen mit körperlicher Gewalt das größte Problem haben, kann aber aus erfahrung sagen das es funktioniert. So verhalten sich Jungengruppen eben, keine reflektionsstunde wird das ändern.
spar dier jede Reflektion zu dem Song wenn du selber ernst genommen werden willst, es ist ein schlechtes Lied, der tabubruch und die kraftausdrücke ziehen die Jungs an, im alter zwischen 9-15 ist das völlig normal und es gibt viel schlimmere, sprich: rassistischere, sexistischere, homophobere etc. "Künstler" die heute von den Kiddies gehört werden, wo man auf jeden Fall intervenieren sollte, wenn "du bist hässlich" das schlimmste ist was du mitkriegst schätz dich glücklich.
Sich wehren ist niemals falsch, für sich selber einstehen auch nicht, später im Leben geht das alles meistens ohne gewalt ( außer beim Strassenraub oder Kneipenschlägerei-Szenario vielleicht) aber mobbing gibt es immer und überall und in dem Alter ist körperliche gewalt ein mögliches letztes Mittel ( auch weil Jungs nicht wirklich in der lage sind sich ernsthaften schaden zuzufügen bei dem was man in dem alter "schlägerei" nennt)
Die Frage ist nicht, wie ich sozialisiert wurde, sondern vielmehr wie ich heute damit umgehe. Ich habe in Jungengruppen sowohl die Täter- als auch die Opferseite von Gewalt erlebt. Ich habe nicht vergessen, wie beschissen ich mich gefühlt habe, als ich Gewalt am eigenen Leib erfahren habe. Als Jungenarbeiter habe ich daher das Ziel, Jungen gewaltfreie Möglichkeiten zur Konfliktlösung aufzuzeigen und ihre Selbstbehauptungskräfte zu entwickeln.
AntwortenLöschenGewalt in der Erziehung ist für mich nicht akzeptabel, daher bin ich sehr froh, dass "die meisten Pädagogen" ein Problem damit haben.
Was sollte eine gewaltätige Reaktion auf einen Akt der Gewalt bewirken? Es wird die Probleme nur verschärfen und an der grundsätzlichen Dynamik nichts ändern - das nächste Opfer wird dann schnell gefunden sein. "Jungengruppen funktionieren so" - das mag in bestimmten Fällen stimmen, das heißt aber nicht, dass das ein Naturgesetz ist und nicht pädagogisch geändert werden kann.
Meine Erfahrung aus der Praxis mit Jungen zeigt: Übernimmt man als Erwachsener die Verantwortung für den entsprechenden Rahmen können und wollen sich Jungen auch anders zeigen.